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Die 10 besten Bücher über Bindung und Beziehung

25. Mai 2019

Sooo lange angefragt kommt jetzt endlich meine Liste mit den 10 besten Büchern, die mich in meiner Haltung in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gestärkt und geprägt haben und die ich immer wieder zur Hand nehme.

1. Dein kompetentes Kind


Immer wieder als Pädagogen-Papst ernannt steht auch bei mir Jesper Juul auf der Liste. Er hat viele Eltern maßgeblich geprägt und unterstützt, sich von einer jahrzehntelangen, vorherrschenden, autoritären Haltung frei zu schwimmen, hat Alternativen aufgezeigt, wie wir gleichwürdig mit Kindern in Beziehung treten dürfen. An vielen Stellen wurde er aber auch falsch verstanden und überambitionierte Eltern kannten nun gar kein Nein mehr, wurden zum Servicepersonal ihrer Kinder. Nein, das war nicht das, was Herr Juul gemeint hatte. Also schrieb und schreibt er nun wiederum auch für alle, die wieder neu lernen dürfen, nein zu sagen.  Beides macht er ziemlich gut, finde ich. Ich bin Fan. 

„Dein kompetentes Kind“ ist eines seiner ersten Bücher, Klassiker, Bestseller. Ich finde es ein Allround-Talent. Es hat mich unglaublich geprägt und mir zu Beginn in meiner Arbeit wirklich viele Alternativen aufgezeigt. Ich war frisch in der Praxis und hatte nur ein Bauchgefühl, wie es nicht laufen sollte, aber mir fehlte ein „wie denn dann?“. 

Durch dieses Buch habe ich auch gelernt, meine eigene Kindheit zu verstehen, die Haltung meiner Eltern. Und dabei geht es nicht um Schuld, sondern Verständnis, denn auch sie wurden wiederum von ihren Eltern so erzogen. In diesem Buch finden viele Werte Raum, die heute die ganze Bindungs- und Beziehungshaltung ausmachen und prägen. Vor allem Umgang mit und Themen wie Gleichwürdigkeit, Grenzen, Selbstverantwortung, Loben, störendes Verhalten und Persönlichkeit habe ich hier im Grundsatz kennen gelernt und verstanden. Dieses Buch ist eine echte Empfehlung als Standardwerk für euer Bücherregal. 

2. Was unsere Kinder brauchen


Von Katia Saalfrank kann ich euch eigentlich alle Bücher ans Herz legen. Sie hat mich nicht nur durch ihre Bücher geprägt. Ich bin jahrelang bei ihr in der Supervision gewesen und sie hat mich ganz praktisch durch viele, viele Situationen begleitet und aus der Ferne durch die beruflichen Herausforderungen gesteuert. So empfinde ich auch dieses Buch. Es ist so schön praktisch und beschreibt viele Situationen, die man aus dem Alltag mit Kindern kennt. Was sind die Bedürfnisse, warum stellt die aktuelle Entwicklungsphase des Kindes diese Hürden und wir können wir damit umgehen. 

Im Buch werden „die neuen Werte“ vorgestellt, die auf Beziehung zueinander beruhen: Verantwortung statt Bewertung, Achtsamkeit statt Strafe, Vertrauen statt Kontrolle, Dialog statt Monolog, … Am Ende jedes Kapitels gibt es eine Rückenstärkung, die vor allem für Jede*n wichtig ist, der sich schnell und oft verunsichert fühlt und vielleicht in einem Umfeld lebt, in dem nicht alle mit denselben Werten unterwegs sind. Das Buch lässt sich wunderbar lesen, ist wunderschön illustriert und dient auch gut als Nachschlagewerk für zwischendurch. 

3. Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben

Als ich dieses Buch las, war ich schon eine Weile mit einer vertrauensvollen Haltung dem Kind gegenüber unterwegs. Aber dennoch hat es mich nochmal so sehr berührt und inspiriert. Dieses Buch ist ein Plädoyer für bedingungsloses Vertrauen in die natürliche Entwicklung unserer Kinder. Seitdem sehe ich jeden Moment, in dem ein Kind frei spielt, mit neuen Augen. Ich staune oft ehrfürchtig vor diesem Spiel. So pathetische Worte? Ja! Denn das habe ich vorher nicht so gemacht.

„Das Spiel ist für das Kind die direkte Art, sich mit dem Alltag, mit sich und mit der Welt zu verbinden. Für Kinder ist das freie Spiel ein Bedürfnis. Eine Veranlagung, ein Hang, oft ein Drang. Es ist für das Kind eine tiefe Erfüllung.“  André Stern  
Lassen wir Kinder spielen, unterbrechen sie nicht ständig, schauen zu, lernen von ihnen, staunen. Dann passiert etwas Wunderbares. Andre Stern macht in seiner Arbeit deutlich, dass das Spiel nicht vom Lernen zu trennen ist. Ein wirklich tolles Buch, gespickt mit vielen Bildern und mit kleinen Aufsätzen u.a. von Gerald Hüther, Arno Stern, Erwin Wagenhofer. 

4. Wie Kinder heute wachsen – Natur als Entwicklungsraum

Ich liebe dieses Buch! Ich bin sehr gerne mit Kindern draußen, denn dort herrscht oft eine viel entspanntere Atmosphäre. In diesem Buch erfährt man, wie wichtig das Erleben und Agieren draußen für die Entwicklung ist. Dabei geht es zum Einen um die Natur, aber auch um Parks, Spielstraßen und Hinterhöfe. 

Zeit in der Natur ist Entwicklungszeit
„Dort draußen ist alles, was drinnen mühsam zusammen gestückelt werden muss – dort draussen ist Bewegung, da ist Sprache, da ist Sozialkompetenz, da ist Naturwissenschaft! … Natur stellt für Kinder einen maßgeschneiderten Entwicklungsraum dar! Eine Erfahrungswelt, die genau auf die Bedürfnisse von Weltentdeckern zugeschnitten ist. In der Natur können Kinder wirksam sein und sich selbst organisieren.“ H. Reiz-Polster

Kinder werden heute sehr viel beaufsichtigt. Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und Horte verstärken diese Tatsache. Aber Kinder brauchen Freiheit, das heißt Freiräume. Wir brauchen dafür Vertrauen, um sie auch allein losziehen zu lassen und Zeit und Geduld, um mit ihnen zusammen die Schätze dort draußen zu suchen und zu finden. 
Dieses Buch ist außerdem wunderschön, mit tollen Bildern, ein Werk, das man gerne in den Händen hält.

5. Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn

Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand auf diesem Planeten dieses Buch über die Trotzphase/Autonomiephase nicht kennt. Aber in meinen Workshops erlebe ich immer wieder Leute, die noch nicht davon gehört haben, also soll es auch hier unbedingt seinen Platz finden. Die beiden Autorinnen schaffen es, auf eine sehr unterhaltsame und lustige Art und Weise zu erklären, warum diese Phase so wichtig für die Entwicklung ist und was dort genau im Gehirn geschieht. Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung finden Raum genauso wie viele herausfordernde Situationen aus dem Alltag und Ideen für einen Umgang damit.

Dieses Buch lebt von der Haltung „Beziehung statt Erziehung“.
Man kann in dieses Meisterwerk wunderbar einfach reinlesen und wird auf jeden Fall Hilfe bekommen, auch wenn man es nicht schafft, es in Ruhe von vorne nach hinten durchzulesen. 

Viele Eltern beschreiben dieses Buch als Erleichterung, Ermutigung und Trost. Ich finde, es kann genauso gut für Kolleg*innen in Kitas hilfreich sein, denn irgendwie ist die Trotzphase immer noch eine Entwicklungsspanne, an der sich die Geister scheiden. Oft erlebe ich, dass die Wertschätzung dem kleinen Menschen gegenüber verloren geht, weil es trotzt und bockt. Das Wissen über diese Phase ist so wichtig und scheint in vielen Ausbildungsstellen und Kita-Gruppen immer noch nicht angekommen zu sein. 

6. Schwierige Kinder – schwierige Schule?

Dieses Buch zeigt Konzepte und Projekte, die Kinder und Jugendliche im regulären Schulbetrieb fördern und begleiten, die als verhaltensauffällig beschrieben werden. Es geht hier um inklusive Förderung. Ich selbst habe mir das Wort „schwierige Kinder“ komplett abgewöhnt und weiß, dass viele der Leser*innen hier auch so agieren und denken. Dennoch fordern uns Kinder und Jugendliche immer wieder heraus. Der Umgang damit ist vor allem im Schulsystem sehr schwierig, denn das bietet oft keinerlei Raum dafür. Wenn man mit allen Kindern und Jugendlichen (auch denen, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen, die in ihrem jungen Leben schon viel zu tragen haben) beziehungsorientiert agieren möchte, stößt man schnell an Grenzen. 

Die verschiedenen Autoren in diesem Buch zeigen auf, wie sie es machen. 
Fred Zieberth möchte ich hervorheben, denn seine Arbeit durfte ich mir schon vor Ort in Berlin anschauen. Er leistet systematische Beziehungsarbeit in der Berliner Fläming Grundschule. Im Buch, aber speziell auch in seinem Aufsatz, wird ganz klar, wir brauchen viele (viel mehr) Ressourcen, um wirklich inklusiv arbeiten zu können. Aber es wird auch deutlich, es kann gelingen. Anhand des Beispiels eines Kindes schlüsselt er das Vorgehen und einzelne Schritte auf und blickt auch auf die Übertragbarkeit seiner Arbeit auf andere Schulen. 

Wer meine Artikel über Kevin oder Sally kennt, weiß, wie sehr ich immer daran verzweifele und mich frage, warum Kinder und Jugendliche, die es doch ohnehin schon so schwer haben, bestraft und aussortiert werden. Gerade mit ihnen möchte ich doch Beziehung leben! 

Die ganze Bindungs- und Beziehungsszene ist oft sehr an Eltern adressiert, was kein Vorwurf ist. Ich freue mich aber darüber, dass hier ein Pädagoge für Pädagog*innen schreibt. Jemand, der nicht hauptberuflich Bücher schreibt, sondern mitten aus dem Leben aus der Schule kommt. Seine Arbeit inspiriert und ermutigt mich sehr!

7. Vertrauensbildung – Wege aus der Schulangst

Ebenso ergeht es mir mit Andreas Reinke: Lange als Lehrer an einer Schule, schreibt er wirklich aus der Praxis. Vertrauen ist sein wichtiges Stichwort. Darum geht es in diesem Buch, ebenso um Kooperation, um Integrität und den Appell, dass ich an meiner Beziehungskompetenz arbeiten darf und muss, wenn ich mit Menschen arbeite.

Andreas macht sich stark für eine Haltung, in der Kinder und Jugendliche als kompetente Wesen angesehen werden und es nicht unsere Aufgabe ist, sie „richtig zu machen“. Leider ist das immer noch in unserem Kita- und Schulwesen verbreitet. Im Buch geht es um Miteinander und nicht Gegeneinander. 
Wenn du dich als zu weich für diesen Beruf empfindest und öfter mal mit dem Gedanken spielst, das ganze Ding an den Nagel zu hängen, empfehle ich dir dieses Buch erst recht. Dieses Buch ist für mich als jemand, der mit Kindern arbeitet, eine Ergänzung und praktische Vertiefung von Juuls „Kompetentem Kind“.

8. und 9. Remo Largos „Jahre“

    

Ich bin Fan von beiden Büchern: „Babyjahre“ und „Kinderjahre“ (und es gibt sogar noch „Jugendjahre“).  In seinen Büchern geht es um das Grundwissen der Entwicklungsphasen, um Veranlagung und Umwelt, Entwicklung und Reifung, kindliche Bedürfnisse und Bindungsverhalten. Seine Haltung hat mich von Anfang an stark geprägt: gewähren lassen und Gelassenheit.

Von Remo Largo habe ich gelernt, dass es „die Norm“ nicht gibt, dass Entwicklungsphasen individuell stattfinden und Bindung die Grundlage jeder Be- und Erziehung sein sollte. Es geht um Vertrauen in die Entwicklung und immer wieder um die Individualität eines jeden einzelnen Kindes.
Remo Largo leitete fast drei Jahrzehnte lang die Abteilung für Wachstum und Entwicklung am Kinderspital in Zürich, wo er die bedeutendste Langzeitstudie über kindliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum durchführte.
Seine Bücher sind nicht umsonst seit Jahren Bestseller und ich kann sie euch als Nachschlagewerk sehr ans Herz legen.

10. Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster

Dieses Werk ist ein echter Schinken ;). Ein dickes, volles, wunderbares Buch über die Entwicklung von Kindern. Dieses Buch erklärte mir, woher wir kommen, welchen evolutionären Weg wir als Menschheit gegangen sind und warum das Verhalten von Kindern vor diesem Hintergrund Sinn macht. Man versteht viel mehr, warum Kinder so handeln, wie sie handeln. 

„Denn Kinder entwickeln sich so, wie sie sich entwickeln, weil es einmal gut für ihr Überleben war. Ihr Verhalten war eine Stärke, kein Defekt. Hätten Kleinkinder früherer Jahrhunderte auf der Wiese wahllos grüne Blätter in den Mund gesteckt, hätten sie nicht lange überlebt. Kein Wunder, dass Kinder auch heute noch Gemüse skeptisch beäugen! Und dass kleine Kinder nicht gerne alleine einschlafen, war früher eine Art Lebensversicherung: Wer gerne alleine im Wald geschlafen hätte, wäre bald schon tot gewesen.“ H. Reiz-Polster
Diese Buch öffnet wirklich immer wieder meine Augen und sollte für jede*n Erzieher*in und Lehrer*in Pflichtlektüre sein!

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Gerne dürft ihr in den Kommentaren eure besten Bücher ergänzen. Ich hätte noch weitere 30 Stück, aber diese hier haben es heute in die TOP TEN geschafft. 🙂 

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3 Comments

  • Reply Meera 25. Mai 2019 at 21:29

    Liebe Anna, Danke für deine Top Ten. Auch mir fallen noch 30 weitere ein aber meine Nummer 1 möchte ich noch hier lassen: „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn. Ein Buch das immer und immer wieder gelesen werden kann und mich immer und immer wieder tief beeindruckt, begleitet und bestärkt auf meinem Weg.

  • Reply Susanne Löhnig 26. Mai 2019 at 14:54

    Liebe Anna, ich vermisse Arno Stern 😉 … kommt bestimmt direkt auf Platz 11 😅

  • Reply Kanisia 28. Mai 2019 at 13:38

    Das Resilienz-Buch – Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken
    von S.Goldstein und R.Brooks
    Nicht nur für Eltern, sondern auch für alle Arten von Pädagogen sehr interessant! Absolute Leseempfehlung

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