Im Gespräch mit...

Im Gespräch mit Herbert Renz-Polster – Teil 2

5. Juni 2019

Im ersten Teil sprachen wir darüber wie sich die Kindheit im Laufe der letzten Jahre verändert hat und warum heute so ein großer Druck herrscht. Im zweiten Teil reden wir über „neue Schulen“, über Beziehung und Freiheit.

Wie würden unsere „neuen Schulen“ aussehen?

Wir würden Schulen aufbauen, die ehrlich wären. Wo es wirklich darum geht, dass die Kinder etwas für sie Wichtiges lernen. Sie sollen nicht nur dazu angehalten werden, die hauptfächertauglichen Bildungsinhalte möglichst effizient reinzukriegen und dann in Prüfungen wieder auszukotzen. Schule, das heißt doch auch, dass wir zuerst einmal darüber reden, was sie lernen sollen, wir würden sie möglichst viel mitreden lassen. Den Auftrag, den man Schule untergejubelt hat, nämlich gesellschaftliche Auslese zu betreiben, den würden wir schön sein lassen!

Das Interessante dabei: Es gibt ja schon tolle Schulen, schauen Sie nur mal auf der Seite www.deutscherschulpreis.de

Das sind alles super Schulen. Es sind öffentliche Schulen, keine Privatschulen, zum Teil Brennpunktschulen. Diese Schulen setzen sich nicht zum Ziel, alles perfekt zu machen, sondern sie stellen sich einer bestimmten Herausforderung, die sie wichtig finden. Und zwar MIT ihren Schülern. Zum Beispiel war dieses Jahr das Ziel der Preisträger: ALLE Kinder werden einen Abschluss haben.

Die Frage ist nur, warum diese Schulen nicht zu Vorbildern werden? Wo hakt es denn, warum werden sie nicht zu Modellschulen?

Also, wenn man mal rüttelt und schüttelt und schaut, was bei diesen Schulen anders ist, dann liefert das schon die Antwort. Bei diesen Schulen herrscht eine besondere Beziehungskultur. Erstmal eine Anerkennung der Schüler, eine Willigkeit, die Schüler mit ins Boot zu holen und entscheiden zu lassen, ein Ansatz der lautet: ihr seid wichtig und wir sind für euch da.

Aber genau das können nicht alle Lehrer leisten und wollen es vielleicht auch nicht. Die Haltung braucht Überzeugung, sie muss gedeckt sein durch Persönlichkeit, durch innere Belohnung, Begeisterung und wie viel  Beziehungsfähigkeit man dazu braucht! Man muss sich einlassen auf die Kinder, auch auf schwierige Kinder, das braucht irrsinnige Ressourcen. Das können sehr viele gar nicht leisten und deswegen bleiben wir bei dem alten System.

Ja, auf diese Beziehungsfähigkeit werden Lehrer*innen aber auch nicht ausgebildet.

Es ist ohnehin meine Frage, WIESO finden die Lehrinhalte der aktuellen Hirnforschung und im Grunde die Inhalte Ihrer Bücher nicht Platz in den Universitäten und Ausbildungsstätten?

Noch mal, denn man muss das verstehen, um Schule zu verstehen: Der  Auftrag des Systems ist nicht die Vermittlung von Bildung, das ist eine romantische Vorstellung. Nein, der Kern des schulischen Auftrags ist, die gesellschaftliche Selektion: wer kommt an welche Plätze. Dafür werden Hürden aufgerichtet, du musst gut sein in den hauptfächertauglichen Bildungsinhalten. Die anderen Kompetenzen interessieren nicht. Man kann super sein, in handwerklichen Dingen oder in intuitiven Dingen oder sozial kompetent, kreativ … Das ist aber nicht bzw. nur am Rande gefragt.

Über diese Hürden werden die Kinder gejagt, weil letzten Endes unsere Wertschöpfungskette auf diesen Kompetenzen beruht. Da geht es um den Kern unseres Systems: höher, schneller, weiter. Man soll Leistung bringen, die zählt und die sich auszahlt. Deswegen wird Schule immer wieder neu auf die Inhalte hin aufgestelt, die in der Gesellschaft gerade priorisiert werden.

Man schaue z.B. in die Zeit des Nationalsozialismus, da wollte man gestählte Körper und entsprechend waren die Hauptfächer Sport und körperliche Ertüchtigung und Abhärtung. Im realen Sozialismus ging es dann um die „sozialistischen Persönlichkeiten“, also die Rädchen im System. Heute steht die Rolle im globalisierten ökonomischen Wettbewerb ganz vorne.

Jeder baut das Schulsystem zunächst einmal in seinem Sinne um, für seine gesellschaftlichen Prioritäten.

Wie kann ein Wandel stattfinden?

Der Weg geht über die Menschen und die Beziehungskultur die dort gelebt wird. Es hängt an einzelnen Personen, die werden etwas verändern und bewegen. Die Schulen, die beispielsweise bei dem Deutschen Schulpreis  gewinnen, zeigen das so gut. Die letzte Gewinnerschule hat zum Beispiel sieben Lehrerinnen, sie sich die Leitung teilen, das muss man sich mal vorstellen… Sehr partizipativ und lauter Frauen, die in der Leitung sind, das zeigt einfach schon, da ist ein anderes Denken möglich. Also, es ist die Haltung, die zählt. Es hängt wirklich an einzelnen Personen.

Sie setzen dem Wunsch nach Förderung immer wieder die Forderung und den Wunsch für mehr Freiraum entgegen. In einer Zeit, in der Kinder sehr viel außerfamiliär betreut werden, ist dieser Freiraum kaum noch vorhanden. Vor allem in den Großstädten, sind Kinder bis zur 5./6. Klasse nie allein draußen unterwegs…

Als Erzieherin oder Lehrerin steht man ja gefühlt schon mit einem Bein beim Anwalt, wenn man Kinder frei spielen lässt und sie nicht pausenlos beaufsichtigt…

Auf unsrem Schulhof stand ebenerdig ein Baumhaus, die Kinder durften aber nicht darauf klettern aus Sicherheitsgründen. Ein Baumhaus, auf das man nicht klettern darf, ich meine hallo? Genauso gab es eine kleine Böschung, der einzige Platz auf dem die Kinder unbeaufsichtigt sein konnten, da war es dann aber verboten zu spielen. Wenn ich Kinder auf Bäume klettern ließ, bin ich tausend Tode gestorben, nicht aus Angst um die Kinder, sondern weil ich Ärger von Kolleg*innen und Eltern bekam…

Das verstehe ich, auch dass Kollegen Stress machen. Allerdings sind sie ja abgesichert, diese Kita- und Schulgelände sind ja TüV geprüft… Der Flaschenhals liegt oft eher bei unseren Prioritäten, die wir für die Kinder haben… Freiraum können wir Kindern ja nur ermöglichen, wenn wir das als wertvoll betrachten.

Warum wir den Freiraum nicht nutzen? Weil wir denken, wir haben ein besseres Programm für die Kinder. Also zum Beispiel kognitive Bildung. Da wollen wir sie fördern – warum sollen sie dann auf Bäumen klettern oder die Alpen überqueren!

Das Problem ist also im Grunde, wir sehen den Freiraum nicht als Bildung an. Der Fokus in Schule heute liegt nicht auf dem Erlernen von fundamentalen Kompetenzen wie zum Beispiel Selbstkontrolle, Widerstandsfähigkeit, Resilienz, Klarkommen in der Gruppe, Kreativität, all das, wozu Kinder Freiräume brauchen. Wenn wir dies Alles als wichtigen Bestandteil der Bildung ansehen würden, würden wir automatisch das kindliche Spiel und die kindliche Freigestaltung und ihre Zeit und ihre Räume als wichtig empfinden.

Denn für den Aufbau von fundamentalen Kompetenzen gibt es keinen effektiveren Weg als das Spiel der Kinder. Dass wir sie beim Aufwachsen auch ihr Ding machen lassen: indem sie ihre Ziele verfolgen, sich organisieren, sich bewähren. Nur in der Selbstbewährung werden Kinder stark!

Unser Bildungsproblem ist für mich also ein grundsätzliches Problem: Wir schätzen die Funktionen, die die Kinder einmal bringen sollen, aber wir schätzen viel zu wenig die grundlegenden, menschlichen Kompetenzen, die Kinder im Leben brauchen! Die würden allen gut tun, auch unserer Gesellschaft.

Sie betonen immer und dieses Bild finde ich sehr hilfreich, dass Kinder ein festes Fundament brauchen, sonst nützt das tollste Haus darauf nichts.

Genau. Aber vorzugsweise behandeln wir die Kinder heute in der Pädagogik eben doch als Gehirn mit Anhang, und natürlich ist das Baumhaus dafür im Weg. Die Parallelklasse ist schon bei Aufgabe 17b…

…während ich die Kinder auf das Baumhaus klettern lasse. Oh oh.

Und fordere dazu auch noch, dass Kinder stabile, verlässliche und authentische Beziehungen zu Erwachsenen erleben. Dieser Aspekt wird immer mehr in der Elternschaft verstanden, in unserem Bildungssystem ist es aber wirklich noch lange nicht flächendeckend anerkannt. Im Gegenteil, es werden eher wieder Rollenmodelle alter Zeiten gefordert.

Können sie nochmal erläutern, warum diese Beziehungen so unglaublich wichtig für Kinder und auch für ihr Lernen sind!?

Wir Menschen brauchen das Gefühl, dass wir sicher sind, anerkannt sind, dass wir – ich nenne es bewusst so- beheimatet sind, dass wir dazu gehören. Wir sind nun einmal extrem soziale Menschen, wir waren evolutionär gesehen, auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass wir Schutz und eine Rolle in der Gruppe hatten.

Wenn wir das nicht haben, dann sind wir in Not. Jeder kennt das Gefühl, wie das ist, nicht gesehen zu werden. Das macht uns unsicher und verursacht starken Stress. Aber gestresste Menschen können nicht lernen! Sie können sich nicht ihren Aufgaben zuwenden, sie sind damit beschäftigt emotional zu überleben.

Auch die Lehrer kennen das doch: man kommt als Mensch in Not, wenn man sich in Beziehungen ausgeschlossen fühlt, wenn man das Gefühl hat, ich gehöre nicht dazu. Also wenn man ins Lehrerzimmer kommt und merkt, alle sind toll miteinander und ich gehöre nicht dazu. Ausschluss ist die größte Strafe für uns Menschen, wir hängen an einer unsichtbaren Schnur, wir wollen dazugehören. Und das läuft eben über Anerkennung. Ausgeschlossene Menschen sind ein Niemand. Und sie haben keine Lernmotivation.

Auch die Kinder brauchen unglaublich viele Signale: du bedeutest mir was, du bist mir wichtig, ich bin für dich da, wenn du in Not bist, da ist ein Sicherheitsnetz. Wenn das nicht da ist, haben wir das Gefühl, wir fallen und schlagen gleich auf.

Ja, dieses Gefühl kenne ich und diese Grundstimmung herrscht in vielen Schulen. Es ist doch genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen und uns für die Kinder wünschen…

Kinder brauchen um lernen zu können (und das verstehen alle): offene, neugierige und leuchtende, strahlende Augen. Sie brauchen Mut und Bereitschaft.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein Kind, mit offenen und wachen Augen.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein Kind, dass selbstbewusst ist.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein Kind, dass für sich eintreten kann.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein Kind, dass für andere eintreten kann.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein mutiges Kind.

♥ Ein bildungsfähiges Kind, ist ein beherztes Kind.

Das sehen wir ein. Das wissen wir alle intuitiv. Kinder die dies haben, sind nicht zu stoppen, sie sind innerlich, intrinsisch motiviert. Sie motivieren sich für das Lernen, weil sie innerlich brennen und eine große Offenheit mitbringen. Kinder die das nicht haben, deren Selbstwert geschmälert ist, die sich schämen müssen, die sich immer beweisen müssen, deren Energie geht in die Absicherung. Somit kann die Energie nicht ins Lernen gehen. Sie sind allenfalls extrinsisch, also von außen zu motivieren: du kriegst eine gute Note, wenn du durchhältst.

Das kann aber nicht eine echte Pädagogik tragen. Es taugt nicht, Kindern Mohrrüben vor die Nase zu halten und dann sollen sie rennen, das ist eine Pädagogik mit Ersatzmotivation.

Es braucht eben nicht nur die tollen äußeren Ziele, sondern einen Rahmen, den wir Menschen nun einmal benötigen, um uns der Welt zu stellen und dazu gehören immer funktionierende Beziehungen! Das ist für Kinder das Gleiche, was wir uns als Erwachsene für unsere Beziehungen wünschen: Verlässlichkeit, wenn ich in Not bin, ist jemand für mich da. Authentizität, da ist jemand, der mir echt begegnet. Und Bedeutsamkeit, mein Gegenüber ist jemand, dem ich etwas bedeute!

Als Lehrer und Erzieher muss man nicht die besseren Eltern sein, das meine ich nicht. Aber wir sind trotzdem dafür verantwortlich, dass der Rahmen stimmt. Schüler sind in einer fremden, unwirtlichen Umgebung aufgeschmissen. Sie wollen erkannt, gesehen und gehört werden, als die, die sie sind, nicht als Projekte. In einer funktionierenden Lernwelt, sind die Pädagogen dafür zuständig, dass dieser Ort als Heimat empfunden wird. Und dann funktioniert das Lernen!!

Das ist finde ich ein sehr schönes Abschlusswort. Ich danke Ihnen ganz herzlich für die vielen gute Impulse und für das Gespräch.


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Foto 1 by Marco Kost.

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